Bosnische Sprache in deutschen Schulen

Erdin Kadunić

Die Ergebnisse, zu denen Oslobođenje nach Korrespondenz mit deutschen Ministerien und Verbänden gelangt ist, zeigen, dass das Bild komplex und oft widersprüchlich ist: von Erfolgen in bestimmten Bundesländern bis hin zu völligem Desinteresse in anderen und sogar regelrechten Skandalen.

Deutschland ist das wichtigste Land für die bosnische Diaspora. Schätzungen zufolge leben dort heute mehr als 200.000 Menschen bosnischer Herkunft, und einige Quellen sprechen von einer deutlich höheren Zahl, wenn man auch die Nachkommen der zweiten Generation mit einbezieht. Hier haben viele Familien Arbeit, Sicherheit und eine Zukunft gefunden, aber gleichzeitig stellt sich zunehmend die Frage: Wie viel Kontakt haben ihre Kinder überhaupt noch mit der bosnischen Sprache?

Genau deshalb ist Deutschland entscheidend für den Erhalt der Sprache und Identität in der Diaspora. Wenn das Bosnische hier nicht überlebt – in dem Land mit der größten Zahl unserer Auswanderer, der am besten organisierten Gemeinschaft und den meisten Kindern –, ist es schwer zu erwarten, dass es anderswo überlebt. Die Ergebnisse, die Oslobođenje nach Korrespondenz mit deutschen Ministerien und Verbänden erzielt hat, zeigen, dass das Bild komplex und oft widersprüchlich ist: von Erfolgen in bestimmten Bundesländern bis hin zu völligem Desinteresse in anderen und sogar zu regelrechten Skandalen.

Organisation des Unterrichts

In Berlin, wo eine große Anzahl von Menschen bosnischer Herkunft lebt, war die bosnische Sprache nie Teil des offiziellen Lehrplans.

Die zuständige Berliner Behörde für Bildung, Jugend und Familie erklärte, dass es in der Stadt kein Unterrichtsprogramm für die bosnische Sprache gibt und dass in den letzten Jahren auch kein Interesse seitens der Schulen bestand, ein solches einzuführen. Ihrer Aussage zufolge wird zusätzlicher Muttersprachenunterricht nur organisiert, wenn eine ausreichende Anzahl von Kindern angemeldet ist und die Schulen einen Bedarf äußern. Bislang gab es keine solchen Anträge für die bosnische Sprache.

Ähnlich ist die Situation im benachbarten Brandenburg, wo das zuständige Ministerium bestätigt, dass für das Schuljahr 2025/2026 keine Klassen für die bosnische Sprache gebildet wurden. Der Unterricht kann organisiert werden, wenn mindestens 12 Schüler in derselben Sprachgruppe sind und die notwendigen Voraussetzungen erfüllt sind, aber bisher gab es kein Interesse. In beiden Fällen existiert die bosnische Sprache faktisch nicht im Bildungssystem und ist ausschließlich von individuellen Initiativen der Eltern abhängig, die derzeit nicht stark genug sind, um eine institutionelle Veränderung herbeizuführen.

Ein ganz anderes Bild ergibt sich aus dem Bundesland Nordrhein-Westfalen, wo die bosnische Sprache einen festen Platz im Bildungswesen hat. Nach Angaben des Bildungsministeriums besuchten im Schuljahr 2024/2025 738 Schüler bosnische Sprachkurse, was einem Anstieg von 10,6 % gegenüber dem Vorjahr entspricht. Der Unterricht findet in Regelschulen statt und wird aus dem Landeshaushalt finanziert. Die Lehrkräfte sind qualifiziert und der Lehrplan entspricht den Bildungsstandards. Auf diese Weise haben die Kinder die Möglichkeit, ihre Sprache zu lernen, sie zu lesen und zu schreiben und sie nicht als Fremdsprache, sondern als natürlichen Teil ihrer Identität wahrzunehmen.

Dieses Modell hat sich bewährt, da es nicht von konsularischen Einrichtungen, sondern von den Schulen selbst und den Bildungsbehörden der Provinz durchgeführt wird. Dadurch wird eine Abhängigkeit von politischen Veränderungen, finanziellen Spenden oder administrativen Hindernissen vermieden. Der Sprachunterricht steht anderen Fächern gleichberechtigt gegenüber, und den Eltern entstehen keine zusätzlichen Kosten. In dieser Provinz wird die bosnische Sprache in dieselbe Kategorie eingeordnet wie andere Sprachen, die Kindern ausländischer Herkunft beigebracht werden. Dies zeigt, dass Mehrsprachigkeit als Vorteil angesehen werden kann und dass Sprachbewahrung nicht im Widerspruch zur Integration stehen muss.

In Baden-Württemberg sieht die Situation ganz anders aus. Dort wurde einige Jahre der Unterricht in  bosnischer Sprache in Zusammenarbeit zwischen dem Generalkonsulat von Bosnien und Herzegowina in Stuttgart und dem lokalen Ministerium für Kultur, Jugend und Sport organisiert. Diese Zusammenarbeit wurde jedoch beendet, nachdem festgestellt wurde, dass die Angaben zur Schülerzahl falsch waren. Das Ministerium hat vom Generalkonsulat die Rückzahlung von rund 105.000 Euro gefordert, die als Unterstützung für den Unterricht gezahlt worden waren. Die Untersuchung ergab, dass der Verband der bosnischen Ergänzungsschulen falsche Angaben zur Schülerzahl gemacht hatte und die Mittel daher missbräuchlich verwendet worden waren. Die Präsidentschaft von Bosnien und Herzegowina und das Außenministerium in Sarajevo wurden über den Fall informiert. Dies ist einer der größten Bildungsskandale, in die die bosnische Diaspora in Deutschland verwickelt ist.

Dieser Fall zeigt, wie anfällig ein System sein kann, das auf Spenden und dem guten Willen einzelner Personen basiert. Wenn es an Aufsicht mangelt, tragen nicht nur die Einrichtungen die Konsequenzen, sondern auch die Kinder selbst, da sie die Möglichkeit verlieren, am Unterricht teilzunehmen. Nachdem sich herausstellte, dass die gemeldeten Schülerzahlen falsch waren, wurde das Vertrauen in die deutschen Behörden ernsthaft erschüttert und die finanzielle Unterstützung für bosnische Schulen in dieser Provinz ausgesetzt.

In Bayern bietet die Regierung im Gegensatz zu anderen Bundesländern keine Zusatzkurse in der Muttersprache an. Eltern und Lehrer haben daher selbst die Initiative ergriffen. Seit neun Jahren organisiert der Verein Bosnisch-Herzegowinische Schule München muttersprachlichen Unterricht in München, Augsburg und Penzberg. Die Vorsitzende des Vereins, Suada Konjhodžić, sagt, dass derzeit mehr als 60 Schüler in fünf Klassen unterrichtet werden und die Zahl jedes Jahr steigt. Die Schule wird ausschließlich durch Mitgliedsbeiträge und freiwillige Zahlungen der Eltern finanziert.

Konjhodžić erklärt, dass die größten Herausforderungen nicht nur finanzieller, sondern auch organisatorischer Natur sind. Der Unterricht findet in deutschen Schulklassen statt, oft am späten Nachmittag, da keine anderen Zeitfenster verfügbar sind. Dennoch wächst das Interesse der Kinder. „Wir sind sehr stolz darauf, dass wir unseren Kindern die Möglichkeit geben können, ihre Muttersprache zu lernen und zu pflegen, aber auch neue Freunde zu finden und durch den Unterricht ein Gefühl der Verbundenheit und Zugehörigkeit zu unserer Gemeinschaft zu entwickeln“, sagt sie.

Sie ist der Meinung, dass das in Nordrhein-Westfalen verwendete Modell viel besser und fairer wäre, da der Unterricht unter der Schirmherrschaft des Landes organisiert würde. „Eine unserer größten Herausforderungen ist die Organisation des Unterrichts“, erklärt Suada Konjhodžić. „Derzeit haben wir mehrere Klassen, aber das bedeutet, dass wir nicht in jeder Schule in München Unterricht anbieten können, und in anderen Städten Bayerns ist es noch schwieriger. Der Unterricht findet in den Räumlichkeiten deutscher Schulen statt, sodass wir zeitlich eingeschränkt sind – Termine am späten Nachmittag oder Abend sind in der Regel nicht möglich. Das sind die Hindernisse, mit denen wir täglich konfrontiert sind, aber wir bemühen uns, sie zu überwinden, weil wir an die Bedeutung unserer Arbeit glauben.“

Betrachtet man das Gesamtbild, wird deutlich, dass der Status der bosnischen Sprache in Deutschland sehr uneinheitlich ist. In einigen Bundesländern schreitet der Unterricht voran und zieht immer mehr Schüler an, während er in anderen gar nicht existiert. All dies zeigt, dass die bosnische Sprache in Deutschland tatsächlich ein Spiegelbild der Einstellung zur eigenen Identität und kulturellen Verantwortung ist.

Ehrenamtliche Arbeit

Die mangelnde Koordination zwischen Bosnien und Herzegowina und der Diaspora verkompliziert die Situation zusätzlich. Es gibt weder eine einheitliche Strategie zur Erhaltung der Sprache im Ausland noch institutionelle Unterstützung für Vereine, die mit Kindern arbeiten. Das Thema Sprache wird auf die ehrenamtliche Arbeit, den Enthusiasmus und den Einfallsreichtum der Eltern reduziert. Auf der anderen Seite zeigt ein Teil der Gemeinschaft ein nachlassendes Interesse, was auf eine tiefgreifende Assimilation und einen Verlust des Bewusstseins für die Bedeutung der Sprache hindeutet.

Letztendlich ist der Kampf um den Erhalt der bosnischen Sprache in Deutschland nicht nur eine Frage der Bildung, sondern auch eine moralische Frage. Er zeigt, wie sehr eine Gemeinschaft ihre eigenen Wurzeln schätzt und wie viel Aufwand sie bereit ist zu betreiben, um diese zu bewahren. Der Erfolg in Nordrhein-Westfalen zeigt, dass es möglich ist, wenn es ein System, einen Plan und staatliche Unterstützung gibt. Der Skandal in Baden-Württemberg zeigt, wie leicht Vertrauen verloren gehen kann, und die Situation in Berlin und Brandenburg zeigt, dass das, was nicht gepflegt wird, einfach verschwindet.

Die bosnische Sprache in der Diaspora wird nicht von alleine überleben. Sie wird so lange weiterleben, wie ihre Eltern, Lehrer und Kinder sie am Leben erhalten. Wenn die Sprache verloren geht, geht auch die Verbindung zum Heimatland, zur Kultur und zur Erinnerung an die eigenen Wurzeln verloren. Die Frage ist nicht mehr, ob es in Deutschland ein Angebot für den Unterricht in bosnischer Sprache gibt, sondern wie bereit wir sind, uns dafür einzusetzen. Wenn bosnische Institutionen und Eltern also wirklich zeigen wollen, wie sehr ihnen Bosnien und Herzegowina am Herzen liegt, dann tun sie dies nicht mit Slogans, Flaggen und Folklore, sondern indem sie bosnischen Kindern – wo auch immer sie leben – den Unterricht in bosnischer Sprache ermöglichen.

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